Autonomes Fahren im ÖPNV
Vom Pilotprojekt zum Regelbetrieb
Autonomes Fahren wird zu einem wichtigen Baustein für die Weiterentwicklung des öffentlichen Verkehrs. Für die Verkehrsunternehmen geht es dabei längst nicht mehr nur um einzelne Fahrzeuge und Pilotprojekte. Entscheidend ist, wie autonome Fahrzeuge sicher, wirtschaftlich und herstellerübergreifend in bestehende ÖPNV-Systeme integriert und vom einzelnen Testbetrieb in einen skalierbaren Regelbetrieb überführt werden können.
Gerade für den öffentlichen Verkehr eröffnet autonomes Fahren neue Möglichkeiten. Autonome Fahrzeuge können perspektivisch bestehende Linienverkehre ergänzen, flexible On-Demand-Angebote ermöglichen und dazu beitragen, Mobilitätsangebote auch in ländlichen Räumen und zu nachfrageschwächeren Zeiten auszubauen. Gleichzeitig können sie Verkehrsunternehmen angesichts des zunehmenden Personalbedarfs entlasten und neue betriebliche Möglichkeiten schaffen. Der VDV sieht insbesondere im fahrerlosen Betrieb auf Level 4 großes Potenzial für den straßengebundenen ÖPNV.
Für den VDV ist dabei entscheidend: Autonomes Fahren muss Teil des öffentlichen Verkehrssystems werden. Nicht das einzelne autonome Fahrzeug ist das Ziel, sondern ein integriertes Mobilitätsangebot, in dem Fahrzeuge, Leitstellen, Disposition, Buchungssysteme, Fahrgastinformation und Infrastruktur zuverlässig zusammenspielen.
Warum autonomes Fahren für den ÖPNV wichtig ist
Autonome Fahrzeuge können dem öffentlichen Verkehr neue Spielräume eröffnen. Besonders relevant sind Anwendungen im Linienverkehr sowie im Linienbedarfs- und On-Demand-Verkehr.
Perspektivisch können dadurch Angebote auch dort und zu Zeiten ermöglicht oder ausgeweitet werden, an denen klassische Verkehre aufgrund geringer Nachfrage oder hoher Betriebskosten nur schwer wirtschaftlich darstellbar sind. Gerade in ländlichen Räumen können flexible Angebote die Anbindung verbessern. Gleichzeitig sieht der VDV im autonomen Fahren eine Möglichkeit, bestehende Verkehrsangebote langfristig zu sichern und den Personaleinsatz effizienter zu gestalten.
Entscheidend ist dabei die Skalierung. Autonomes Fahren entfaltet seinen Nutzen für den ÖPNV nicht durch einzelne Demonstrationsfahrzeuge, sondern durch zuverlässig funktionierende Flotten, die in bestehende Betriebsprozesse integriert sind und im Alltag eingesetzt werden können.
Für einen flächendeckenden Regelbetrieb reicht die technische Reife einzelner Fahrzeuge nicht aus.
Autonome Fahrzeuge müssen in die bestehenden Systeme des öffentlichen Verkehrs integriert werden können. Dafür müssen Fahrzeuge, Leitstellen, Disposition, Buchung und Infrastruktur zuverlässig zusammenarbeiten. Gerade deshalb gewinnen offene Schnittstellen und gemeinsame Standards an Bedeutung.
Bislang verbleiben Projekte zum autonomen Fahren im deutschen ÖPNV vielfach in geschlossenen Systemen. Fehlende Standards erschweren den Wechsel von Anbietern, führen zu aufwendigen Sonderanpassungen und verteuern die Umsetzung. Sie bremsen damit auch den Übergang vom Pilotprojekt in den Regelbetrieb. MILA setzt deshalb auf eine offene, herstellerneutrale Systemarchitektur, mit der Verkehrsunternehmen autonome Fahrzeuge verschiedener Hersteller künftig leichter in ihre bestehenden Systeme einbinden können.
Genau hier setzt MILA an: Erfahrungen aus Forschung und Praxis werden im Projekt zusammengeführt. Der VDV begleitet den Transfer der Ergebnisse in die Branche und kümmert sich um die daraus abzuleitenden Standards. MILA soll so eine Grundlage schaffen, die über einzelne Testfelder hinaus für die gesamte Branche nutzbar ist.
MILA.mobility: Plattform für autonomes Fahren im ÖPNV
Autonome Mobilität gemeinsam und übergreifend in den ÖPNV integrieren
MILA.mobility ist ein bundesweites Forschungs- und Entwicklungsprojekt für die Integration autonomer Fahrzeuge in den öffentlichen Verkehr. Das Projekt ist am 21. September 2026 offiziell in die gemeinsame Entwicklungsphase gestartet. Entwickelt und erprobt wird eine offene, herstellerneutrale Plattform, die autonome Fahrzeuge mit bestehenden Leitstellen-, Dispositions-, Buchungs- und Infrastruktursystemen im öffentlichen Verkehr verbinden soll.
MILA steht für „Middleware-Integration von Leitstellen- und Dispositionssystemen für Autonome Mobilität“.
Im Mittelpunkt steht dabei nicht ein einzelnes Fahrzeug, sondern die Integration autonomer Fahrzeuge in die bestehenden Systeme des ÖPNV. MILA entwickelt dafür eine offene, herstellerneutrale Systemarchitektur. Fahrzeuge, Leitstellen und Dispositionssysteme verschiedener Anbieter sollen künftig verlässlich zusammenarbeiten und autonome Fahrzeuge leichter in bestehende Systeme der Verkehrsunternehmen eingebunden werden können.
MILA auf einen Blick
- 30 Partner
aus Verkehrsunternehmen, Industrie, Wissenschaft und Verbänden
- 44 Monate Laufzeit,
bis 31. März 2030
- rund 57 Mio. Euro Gesamtvolumen
- rund 33,8 Mio. Euro Förderung
durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt
- fünf Testfelder:
Leipzig, Region Hannover, Region München, Ludwigslust-Parchim und Rhein-Main
- ein virtuelles Labor
- Konsortialführung: Leipziger Verkehrsbetriebe
Standardisierung und Transfer: VDV
„Mit MILA.mobility fördert das BMFTR ein Demonstrationsprojekt, das die technische Grundlage schafft, damit autonome Fahrzeuge einfach und sicher in den ÖPNV integriert werden können. Es entsteht mit MILA.mobility ein einzigartiges deutschlandweites Mobilitäts-Ökosystem mit offenen Standards und Schnittstellen.“
Matthias Hauer, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt.
Offene Systeme statt technischer Insellösungen
Viele Projekte zum autonomen Fahren im deutschen ÖPNV verbleiben bislang in geschlossenen Systemen. Für einen breiten Einsatz im öffentlichen Verkehr ist das auf Dauer nicht ausreichend. Wenn Fahrzeuge, Leitstellen und Software nicht verlässlich zusammenarbeiten, entstehen aufwendige Sonderanpassungen und ineffiziente Doppelstrukturen. Fehlende Standards erschweren zudem den Wechsel von Anbietern, verteuern die Umsetzung und bremsen den Übergang vom Pilotprojekt in den Regelbetrieb. Genau hier setzt MILA.mobility an. Entwickelt wird eine offene, herstellerneutrale Systemarchitektur. Verkehrsunternehmen sollen damit autonome Fahrzeuge verschiedener Hersteller künftig leichter in bestehende Leitstellen-, Dispositions-, Buchungs- und Infrastruktursysteme einbinden können. Das verbessert die Voraussetzungen für einen verlässlichen Betrieb und erleichtert Beschaffung und Weiterentwicklung.
Das Ziel ist eine Lösung, die über einzelne Testfelder hinaus für die gesamte Branche nutzbar ist.
Entwicklung und Erprobung in drei Zyklen
Region Hannover, in der Region München, in Ludwigslust-Parchim und im Rhein-Main-Gebiet. Die Testfelder bilden unterschiedliche Anforderungen des öffentlichen Verkehrs ab. So soll nachgewiesen werden, dass Fahrzeuge, Leitstellen und Dispositionssysteme verschiedener Anbieter verlässlich zusammenarbeiten können. Die Erfahrungen aus der Praxis fließen fortlaufend in die Weiterentwicklung von Architektur, Software und Prüfverfahren ein.
Die Ergebnisse sollen über die einzelnen Testfelder hinaus für die gesamte Branche nutzbar werden. Der VDV begleitet dafür den Transfer der Ergebnisse in die Branche und kümmert sich um die daraus abzuleitenden Standards für das autonome Fahren im deutschen ÖPNV.
ADASTEC GmbH; DB Regio Bus Mitte GmbH; Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e. V.; ebblo Germany GmbH; Eckardt Software Management ESM GmbH; Fraunhofer-Gesellschaft zur Förderung der angewandten Forschung e. V.; FZI Forschungszentrum Informatik; Hamburger Hochbahn AG; HOLON GmbH; INIT Innovative Informatikanwendungen in Transport-, Verkehrs- und Leitsystemen GmbH; Institut für Klimaschutz, Energie und Mobilität - Recht, Ökonomie und Politik e. V.; Interlink GmbH; INYO Mobility GmbH; IVU Traffic Technologies AG; Leipziger Verkehrsbetriebe GmbH (Verbundkoordinator); MENTZ GmbH; MOIA GmbH; MOTOR Ai GmbH; Münchner Verkehrs- und Tarifverbund GmbH; P3 digital services GmbH; Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen; Rheinland-Pfälzische Technische Universität Kaiserslautern-Landau; Rhein-Main-Verkehrsverbund GmbH; Stadt Leipzig; Technische Universität Dresden; Technische Universität München; ÜSTRA Hannoversche Verkehrsbetriebe AG; Verband Deutscher Verkehrsunternehmen e. V.; Verkehrsgesellschaft Ludwigslust-Parchim mbH; Via Mobility DE GmbH.
Level 4: autonom fahren in einem festgelegten Betriebsbereich
Für den straßengebundenen ÖPNV steht insbesondere das autonome Fahren auf Level 4 im Mittelpunkt. Auf dieser Automatisierungsstufe kann ein Fahrzeug die Fahraufgabe innerhalb eines definierten Anwendungsbereichs selbstständig übernehmen. Eine fahrzeugführende Person muss während der Fahrt nicht dauerhaft eingreifen können. Auch die VDV-Strategie zum autonomen Fahren konzentriert sich deshalb auf fahrerlose Busse und Shuttles auf SAE Level 4.
Deutschland hat dafür bereits einen gesetzlichen Rahmen geschaffen. Das Straßenverkehrsgesetz ermöglicht den Betrieb von Kraftfahrzeugen mit autonomer Fahrfunktion ohne fahrzeugführende Person innerhalb eines genehmigten, festgelegten Betriebsbereichs. Ein solcher Betriebsbereich ist ein örtlich und räumlich bestimmter öffentlicher Straßenraum.
Für den Betrieb gelten unter anderem Anforderungen an die technische Ausrüstung des Fahrzeugs, die Betriebserlaubnis und die Genehmigung des jeweiligen Betriebsbereichs.
Zum gesetzlichen System gehört außerdem die Technische Aufsicht. Sie fährt nicht permanent im Fahrzeug mit und muss die Fahrt auch nicht dauerhaft überwachen. Sie übernimmt jedoch klar definierte Aufgaben und kann beispielsweise vom Fahrzeug vorgeschlagene Fahrmanöver freigeben oder die autonome Fahrfunktion deaktivieren.
Der Weg vom Pilotprojekt zum flächendeckenden Einsatz ist nicht allein eine technologische Aufgabe.
Fahrzeuge müssen im Alltag zuverlässig und sicher funktionieren. Gleichzeitig braucht es praxistaugliche Genehmigungsprozesse, standardisierte technische Schnittstellen, leistungsfähige digitale Infrastruktur und tragfähige Betriebsmodelle.
Auch die Wirtschaftlichkeit spielt eine zentrale Rolle. Verkehrsunternehmen müssen autonome Fahrzeuge in größeren Flotten beschaffen, betreiben, warten und in bestehende Betriebsabläufe integrieren können. Dazu gehören unter anderem Leitstellen, Technische Aufsicht, Störungsmanagement und digitale Systeme.
Der VDV fordert deshalb, den bestehenden Rechtsrahmen und die Genehmigungsprozesse für eine Skalierung von Level-4-Verkehren weiterzuentwickeln und gleichzeitig den Aufbau leistungsfähiger digitaler Infrastrukturen voranzutreiben.
(VDV-Positionspapier, März 2025)
Die Bundesregierung hat autonomes Fahren ebenfalls als strategisches Handlungsfeld definiert. In der Strategie „Die Zukunft fährt autonom“ aus dem Jahr 2024 wird der öffentliche Personennahverkehr ausdrücklich als ein Anwendungsfeld genannt, in dem autonomes Fahren in den Regelbetrieb überführt werden soll. (BMV, Die Zukunft fährt autonom, 2024)
Autonomes Fahren betrifft nicht nur Busse und Shuttles. Auch bei Stadt- und Straßenbahnen sieht der VDV großes Entwicklungspotenzial. Mit dem Strategiepapier „Die Tram der Zukunft fährt autonom“ hat der Verband 2026 einen eigenen Rahmen für die schrittweise Automatisierung des städtischen Schienenverkehrs vorgelegt.
Gerade die Systemmerkmale von Stadt- und Straßenbahnen bieten gute Voraussetzungen für weitere Automatisierung: Sie sind spurgeführt, liniengebunden und betrieblich stark systematisiert. Für offene städtische Systeme fehlen allerdings bislang teilweise noch die notwendigen rechtlichen und regulatorischen Voraussetzungen. Der VDV fordert deshalb unter anderem klare Rechtsgrundlagen, harmonisierte Nachweisverfahren und geeignete Förderstrukturen für autonome Stadt- und Straßenbahnen.
Damit versteht der VDV autonomes Fahren ausdrücklich als Thema des gesamten öffentlichen Verkehrs.
VDV-Positionen zum autonomen Fahren